
Immer häufiger lesen wir Meldungen, die den Rückgang der Artenvielfalt behandeln. Weltweit, in Europa und sehr konkret in den Alpen. Meist steht dabei der Klimawandel im Fokus, der zu veränderten Bedingungen im Gebirge führt. Inwiefern werden solche Veränderungen auch beim Felsklettern bemerkbar?

Generell erleben wir beim Felsklettern eine Jahreszeitenverschiebung – das hängt ja auch mit dem Klimawandel zusammen: Vor allem südseitig nutzen manche schon früh im Jahr schöne Tage zum Klettern, teils selbst rund um Silvester. Wo früher noch Skitouren gemacht wurden, ist nun während des Winters das Klettern möglich, ohne zu frieren. Der Klimawandel hat also eine ganz konkrete Auswirkung auf die Sportart.
Auch für Flora und Fauna verschieben sich ein paar Dinge: durch die veränderten Jahreszeitenzyklen verändert sich zum Beispiel die Nahrungsverfügbarkeit und dadurch ändern sich allmählich die Abhängigkeiten und Beziehungen im Ökosystem.

Das veränderte Sportverhalten lässt sich ja ganz gut auch in den Mittelgebirgen beobachten. Wie steht es denn dort konkret um die Artenvielfalt an den Kletterfelsen und ihre Erforschung?

Es gibt ein paar Studien, die sind aber größtenteils eher älter, aus den 1980er- oder -90er-Jahren. Wirklich Brandneues gibt es weniger. Als Alpenverein unterstützen wir aber immer wieder bei Bachelor-Arbeiten, Masterarbeiten und ähnlichem. Das ist sehr wichtig, weil wir damit helfen, eine wissenschaftliche Grundlage zum Thema Biodiversität am Fels zu schaffen.
An der Universität Bayreuth gibt es einen Lehrstuhl für Sportökologie, dort werden solche Fragen intensiv untersucht und gerade zum Frankenjura ist über einen langen Zeitraum ein roter Forschungsfaden zu erkennen: schon 1999 wurden das erste Mal die Felsköpfe im Frankenjura botanisch kartiert und seither konnten gewisse Trends und Veränderungen abgelesen werden. So ist bei diesen kontinuierlichen Beobachtungen vor nicht allzu langer Zeit eine Pflanzenart wieder aufgetaucht, die über Jahre nicht mehr zu existieren schien. Es ging dann im Folgenden darum, wie man diese Pflanze schützen kann bei gleichzeitigem Kletterbetrieb.

Ist der Kletterbetrieb selbst das Problem, oder schon das Einrichten von Routen?

Tatsächlich wird gerade erst angefangen, die Auswirkungen des Einrichtens intensiv zu erforschen.
Was man sich klar machen muss: es dauert mitunter Jahre, bis sich an einem trockenen, steilen Felsen eine Humusauflage bildet, die ausreicht, dass sich dort hochspezialisierte Pflanzen ansiedeln können. Ein großflächiges Rausreißen von Vegetation beim Einrichten einer Route – und schon ist alles zunichte gemacht. Das hat schon oft für Ärger gesorgt.
Beim DAV setzen wir uns immer wieder für den Spagat zwischen Bergsport und Naturschutz ein. Letztlich muss man immer auf die Details am Einzelfelsen bzw. an der einzelnen Kletterroute schauen – und es ist noch viel Forschung nötig, um die Gesamteinflüsse und -zusammenhänge ganz genau zu verstehen.

Es gibt tausende Kletterfelsen allein in Deutschland. Eine Frage, die da generell im Raum steht: Sind Neuerschließungen noch "zeitgemäß”?

Das lässt sich aus meiner Sicht nicht pauschalisieren, sondern man muss sich immer die konkrete Region anschauen. Nehmen wir das Frankenjura oder andere Hotspot-Regionen: da wird teilweise noch erschlossen. Man hat aber auch Stimmen, die die Frage in den Raum stellen: Wann ist genug?
Problematisch wäre ein generelles Verbot. Denn in einzelnen Regionen gibt es noch Potenzial und auch naturschutzfachlich wäre eine Erschließung in Ordnung oder könnte abgestimmt werden. Genau da greifen dann auch die naturschutzfachlichen Konzepte des DAV, bei denen wir versuchen, mit allen vor Ort zusammenzuarbeiten.
Wichtige Instrumente dabei sind, den jeweiligen Felsen abzugehen, um vor Ort abzuschätzen, wie sensibel die Vegetation ist, um dann eine Entscheidung treffen zu können.
In vielen Regionen passiert heute aber genau das Gegenteil: Man hört “Neuerschließung” und befürchtet sofort eine starke Zunahme von Kletternden. Auch, weil gefühlt eh alles schon überlaufen ist, heißt es oft im behördlichen Reflex oder beim Landratsamt ganz kategorisch “Nein” zu weiteren Erschließungen.
Seitens des DAV versuchen wir immer, gemeinsam mit allen “Betroffenen” an einen Tisch zu kommen und ein gemeinsames Konzept zu erarbeiten, das auch von allen getragen und akzeptiert wird. Am besten geschieht dies über freiwillige Vereinbarungen und entsprechende Information der Klettercommunity.

Welche Projekte beschäftigen den DAV rund um Klettern und Naturschutz besonders?

Im Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz gibt es beispielsweise eine recht neue Kletterkonzeption. Es handelt sich zwar um einen kleinen Landkreis und mit im Vergleich nur wenigen Felsen. Aber es ist quasi der Schulterschluss zwischen nördlichem und südlichem Frankenjura. Dort wird ein Naturpark tangiert und teilweise FFH-Gebiete, aber es gab einfach noch keine Konzeption. Jetzt im sensiblen Naturraum vom Frankenjura diesen Lückenschluss zu haben, ist hervorragend.
Zum anderen: Nordrhein-Westfalen hat ja schon seit Längerem ein eigenes Leitbild “Klettern und Naturschutz”. In praktisch allen Mittelgebirgsregionen in Deutschland vom Pfälzer Wald bis zur Sächsischen Schweiz arbeiten der DAV und andere Kletterverbände fortlaufend daran, einen Ausgleich zwischen Bergsport und Naturschutz möglichst gut hinzubekommen. Das ist eine Daueraufgabe, die nie abgeschlossen sein wird.
Auch im bayerischen Alpenraum gibt es bereits einige Kletterkonzeptionen, beispielsweise im Nationalpark Berchtesgaden oder in Kochel. Darüber hinaus gibt es auch an weiteren Felsen immer wieder Regelbedarf zum Schutz von Tieren und Pflanzen. Flächendeckende Konzeptionen gibt es im bayerischen Alpenraum allerdings noch nicht.

... zumal es sicher auch dauert, eine für alle möglichst gute Lösung zu finden?

Genau. So eine Konzeption zu erarbeiten, kann schnell zwei, drei oder mehr Jahre in Anspruch nehmen. Ein konkretes Manko ist, dass vielfach Mit-Entscheidende nicht aus dem Klettersport kommen. Sie kennen sich oft mit den Gegebenheiten nicht aus oder haben grundlegend ganz falsche Vorstellungen. Das fängt da an, dass mitunter nicht klar ist, wie ein Kletterschuh im Vergleich zu einem Berg- oder Wanderschuh aussieht. Oder dass schon auch mal gedacht wird, Kletterer würden Steigeisen nutzen – und damit die Felsoberfläche zerstören.
Vom reinen Hallenklettern bis zu hochalpinen Touren – die Bandbreite beim Klettern ist enorm. Ein grundlegendes Verständnis der Basics im naturverträglichen Bergsport zu schaffen, ist für uns als DAV manchmal der erste Schritt.

Der DAV ist also nicht, wie man vielleicht annehmen könnte, immer nur “mahnend” unterwegs?

Das A und O für uns ist zu verstehen, wie schützenswert der Bergsportraum ist. – Und wie wir ihn gut schützen können. Dann kommt die Frage, wie und wo man im ganz konkreten Gebiet klettern kann. Gemeinsam sucht man dann nach der bestmöglichen Einigung. Das kann auch mal bremsend sein, aber der Prozess bzw. das Ergebnis ist es dann wert.
Grundsätzlich geht es aber immer um einen bestmöglichen Kompromiss bei einer Kletterkonzeption, bei der Kletternde teilweise Klettermöglichkeiten aufgeben und Naturschützer nicht per se alles schützen können. Im besten Fall schauen alle gemeinsam auf das Klettergebiet.

Beim DAV findet sich diese Expertise oft in der jeweiligen Sektion.

Wir haben da regionale Felsbetreuer*innen, die sich richtig gut auskennen. Sie kennen den Naturraum und haben die regionale Kletterexpertise. Aber auch mit anderen Verbänden wie der IG Klettern, dem Verein Pfälzer Kletterer und den Naturfreunden Deutschland arbeiten wir zusammen. Und auch die naturschutzfachliche Expertise der Ornithologen, zum Beispiel des Landesbundes für Vogelschutz in Bayern, ist sehr wichtig und wertvoll.

Was ist schwieriger: der Schutz seltener Tiere oder seltener Pflanzen?

Generell geht es am Fels viel um störungssensible Vogelarten wie Uhu, Wanderfalken oder auch Kolkraben und Dohlen, die hier brüten. Sie sind groß, präsent und insgesamt gut untersucht. Schon deshalb fühlt sich das Thema vielleicht höher gewichtet an.
Gleichzeitig haben wir natürlich auch viele schützenswerte Pflanzenarten, gerade Farne und Moose, die manchmal ein bisschen untergehen. Das liegt einerseits daran, dass es vergleichsweise wenige erfahrene Farn- oder Moorspezialisten gibt. Diese Arbeit ist oft im Detail und mit der Lupe, um die genaue Art überhaupt zu bestimmen.
Ich würde sagen, das Bestimmen einer Art ist bei Pflanzen mitunter schwieriger. Schützen lassen sich aber Tiere und Pflanzen gleichermaßen einfach oder schwer durch die Konzepte des DAV.

Blicken wir auf den Umgang mit Gletschern, dann ist der DAV oft “Anwalt der Natur” und positioniert sich gegen weitere Erschließungen. Ist das beim Felsklettern auch so oder gibt es hier auch mal Naturschutzmaßnahmen, die aus Vereinssicht über das Ziel hinausschießen?

Ich denke da an die Badener Wand in Baden-Württemberg. Da läuft tatsächlich gerade ein Klageverfahren: Um den Wanderfalken zu schützen, hat die Behörde eine Allgemeinverfügung verhängt gegen das Klettern und andere touristische Nutzungen. Der DAV steht auf dem Standpunkt, dass diese ganzjährige Sperrung überzogen ist. Zumal es eine Reihe anderer Beispiele gibt, wo es sehr gut klappt, nur rund um die Brutzeit zu sperren. Auch die gemeinsame Absprache mit Behörden klappt in vielen Regionen sehr gut, im Falle der Badener Wand wurde ein gemeinsames Güteverfahren jedoch vom Regierungspräsidium abgelehnt.
Egal, wie die Entscheidung vor Gericht ausfällt, wird sie in gewisser Weise auch richtungsweisend sein; sie soll noch dieses Jahr getroffen werden.
In Nordhessen, am Scharfenstein, wiederum hat die Untere Naturschutzbehörde ein Kletterverbot verhängt, um einzelne Pflanzen zu schützen. Und auch der Holzberg in Sachsen ist recht präsent – ein alter Steinbruch bei Leipzig, der ökologisch sehr wertvoll und in Kletterkreisen beliebt ist, der aber verfüllt werden soll.

In der Bundesgeschäftsstelle des DAV in München arbeitest du gemeinsam mit fünf Kolleg*innen im Naturschutz. Wie stemmt ihr die Vielzahl der Themen und Projekte?

Im Miteinander des DAV mit Behörden, Naturschutz- und anderen Sportverbänden ist der ständige Austausch essenziell, so lässt sich auf Dauer auch bei neuen Projekten zügig und effizient abstimmen und eine gemeinsame Lösung finden.
Was ganz klar ist: Ohne das ehrenamtliche Engagement vieler Sektions-Mitglieder wäre vieles gar nicht möglich. Als Naturbegeisterte*r gerne in die Berge zu gehen ist das Eine, Naturschutzthemen auf dem Schirm zu haben und sich in der Freizeit dafür einzusetzen, das andere. Ich würde mir wünschen, dass das weiter gefördert wird und auch eine gesellschaftliche Anerkennung erfährt.