Die geplante Expedition in Südamerika ist bereits das dritte große inklusive Projekt, das der Bundesverband des DAV fördert. Eine zehntägige Transalp im Jahr 2018 und vor zwei Jahren eine 14-tägige Trekkingtour zu den „Peaks of the Balkans“ gingen voraus. Kommenden Sommer reisen acht Bergsteiger*innen mit und ohne Behinderung nach Peru, die Projektleitung liegt wieder bei dem Leitungsteam, das die erfolgreichen Vorgängerprojekte betreute: Sascha Mache (Sektion Offenbach) führt Ski- und Hochtouren und ist seit Jahren als Trainer für inklusiven Bergsport aktiv. Christiane Werchau (Sektion Forchheim) ist Erlebnispädagogin und Trainerin im Bundeslehrteam Inklusiv.
Anlässlich des Internationalen Tags der Menschen mit Behinderung sprachen wir mit Sascha über das neueste Projekt und welche Tipps er anderen Engagierten im DAV geben kann.

Ihr plant eine inklusive Expedition - wo geht es hin?

Wir sind nächsten Sommer in Peru in der Cordillera Blanca unterwegs, unser Zelt-Trekking führt uns zwischen imposanten Eisriesen durch die wunderbaren Landschaften des Huascarán-Nationalparks. Wenn es gelingt, wollen wir als Höhepunkt am Ende gemeinsam auf einem 5000er stehen.

Warum habt ihr dieses Ziel ausgewählt?

Fürs Höhentrekking ist Peru durch die Nähe zum Äquator ideal. Dort kann man relativ große Höhen über technisch nicht zu anspruchsvolle Routen erreichen. Für die meisten Teilnehmer*innen ist es eine neue Erfahrung, sich über das Alpenniveau hinaus zu bewegen - ein lang gehegter Traum, den sie sich jetzt erfüllen wollen.

Worin unterscheidet sich eine inklusive Expedition von einer "normalen" Expedition?

Bei uns geht es zuallererst darum, gemeinsam als Gruppe gut unterwegs zu sein. Es steht nicht der eine oder andere „Gipfelerfolg“ im Fokus. Das Erlebnis zählt und steht klar im Vordergrund. Natürlich geht es auch um Leistung. Aber nicht im klassischen Sinne der absoluten Anzahl von Höhenmetern. Hier geht es um individuelle Leistungen unter Berücksichtigung der konkreten Möglichkeiten der Beteiligten. Und natürlich um die Team-Leistung, es gemeinsam zu schaffen: gemeinsam Neues zu erfahren, und das auf einem Level, das man alleine so nicht erreichen könnte.

Geht ihr an die Planung ganz anders heran?

Auf der Tour organisieren wir die Logistik so wie andere Gruppen beim Höhen-Trekking: Wir nutzen die Unterstützung von Tragetieren, campieren am Berg in Zelten.
Das A und O wird eine gelungene Akklimatisation an die Höhe. Auf die werden wir besonders achten, die höhenmedizinischen Grundsätze sind dabei die gleichen wie bei jeder anderen Expedition auch. Während vor Ort in Peru vieles ähnlich abläuft wie bei einer nicht-inklusiven Expedition, gibt es in der Vorbereitung aber große Unterschiede.

Wie bereitet ihr euch denn vor?

Da das Gesamterlebnis der Gruppe für uns am wichtigsten ist, treffen wir uns in den Monaten vor dem Start mehrfach für ein Wochenende und trainieren zusammen, damit sich alle in der Gruppe gut kennenlernen. Die Teilnehmer*innen bei unseren Aktionen betonen immer wieder, dass für sie das Erleben von Freundschaft und Gemeinschaft im Mittelpunkt steht und die gegenseitige Unterstützung als Team. Das ist auch deshalb besonders wichtig, weil wir uns mehr aufeinander verlassen müssen als zum Beispiel bei einer kommerziellen Tour.

Und wo liegen die Schwerpunkte der Trainings?

Neben dem individuellen Training der Einzelnen, vor allem für die Grundlagen-Ausdauer, treffen wir uns zu verschiedenen Vorbereitungsmodulen. Mal liegt der Schwerpunkt auf dem gemeinsam unterwegs sein oder Führungs- und Unterstützungstechniken im Gelände. Im September waren wir für einige Nächte auf einer hoch gelegenen Hütte, um uns auf das Thema Höhenanpassung vorzubereiten. Und im Januar steht ein Modul an, wo wir für die kalten Übernachtungen am Berg üben: Auf unserer Tour in Peru wollen wir auf viereinhalbtausend Metern Höhe schlafen, mit entsprechend niedrigen Temperaturen.

Warum legt ihr den Schwerpunkt auf das gemeinsame Training?
Es macht einen großen Unterschied, wenn die Gruppe vor einer Tour gemeinsam für die unterschiedlichen Herausforderungen trainieren kann. Bei diesen Übungstouren lernen sich alle immer besser kennen und wir wissen dann, wer in welchem Gelände eher schneller oder langsamer unterwegs ist. Daraus bekommen wir im Leitungsteam auch wichtige Anhaltspunkte für die Tourenplanung der einzelnen Etappen.

Wann wird euer Projekt erfolgreich sein, was ist euer Ziel?

Der wichtigste Maßstab ist, ob sich die Erwartung der Teilnehmer*innen erfüllt, eine tolle Tour gemeinsam zu erleben, die für sie alleine so nicht möglich gewesen wäre. Höhenbergsteigen beziehungsweise Höhentrekking sind ganz besonders faszinierende Spielarten des Bergsports. Und die Sechstausender der Cordillera Blanca waren schon für die historischen Expeditionen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins Traumziele. Heute – in einer anderen Epoche des Bergsteigens – ist mir wichtig, unvergleichliche Bergerlebnisse in diesem wunderschönen Gebirge auch mit einer inklusiven Gruppe zu teilen und dadurch auch anderen Mut zu machen, Barrieren im Bergsport zu überwinden.

Wie steht es deiner Meinung nach um das Thema Inklusion im DAV?

Ich finde es ganz großartig, wie viel sich im Bereich inklusiver Angebote mittlerweile tut. Ob Ausbildung von Trainer*innen C fürs Klettern, Fortbildungen für Jugendleiter*innen, viele Dutzend bunt-gemischte Klettergruppen für Kinder und Erwachsene in den Sektionen: In den letzten zehn Jahren hat sich viel bewegt, damit möglichst alle, die wollen, tolle Erlebnisse beim Klettersport haben können. Mit unseren Leuchtturm-Projekten macht der DAV darüber hinaus Mut, auch in anderen Spielarten des Bergsports unnötige Hindernisse abzubauen. Mittlerweile tut sich da im Bereich Wandern und Bergsteigen auch etwas, aber im Vergleich zum Klettern besteht hier noch deutlich mehr Nachholbedarf.

Welche Tipps kannst Du anderen Engagierten im DAV geben?

Ich würde gerne alle Interessierten ermuntern, auf Sektionsebene mehr Touren- und Ausbildungsangebote zu öffnen für diejenigen, die bislang außen vorbleiben. Personen, die sich aufgrund einer Behinderung oder eines bestimmten Unterstützungsbedarfs ausgeschlossen fühlen, sollten ausdrücklich angesprochen und eingeladen werden. Viele Berührungsängste sind unnötig. Wenn wir sie überwinden, zeigt sich oft, dass viel mehr Aktivitäten „inklusiv“ gestaltet werden können, als wir meinen. Also: Probiert es aus!

Man sollte also Bergsport-Kurse und -Touren insgesamt mehr öffnen?

Ja, denn es müssen längst nicht immer zusätzliche Spezial-Angebote geschaffen werden. Im Gegenteil: Der Gewinn durch Inklusion liegt ja gerade darin, dass wir das alte Denken in traditionellen Normen und Schubladen überwinden können. Menschen mit Behinderung oder chronischen Krankheiten brauchen beim Bergsport Unterstützung - mal mehr, mal weniger. Aber auch Nicht-Behinderte benötigen diese. Natürlich kann nicht jede und jeder alles erreichen, aber gemeinsam wird viel mehr möglich: Wenn es normal wird, dass alle Bergbegeisterten im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten einer Gruppe Unterstützung anbieten - und umgekehrt artikulieren, wo sie selbst Unterstützung benötigen. Das Wichtigste ist also vielleicht ein „inklusives“ Mindset, in dem die unterschiedlichen Menschen mit ihren jeweiligen Möglichkeiten und Bedarfen mitgedacht werden.
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